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Spielt beim sogenannten Post-Finasterid-Syndrom auch der Nocebo-Effekt eine Rolle?
20. Februar 2026 - Dr. Uwe Schwichtenberg

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte Anfang Oktober 2024 eine Sicherheitsüberprüfung von Arzneimitteln mit Finasterid und Dutasterid eingeleitet, die erst Mitte 2025 abgeschlossen wurde. Als Ergebnis wurde seitdem unter Anderem jeder Packung Finasterid 1 mg eine Patientenkarte mit Informationen zu einem möglichen Risiko der Entwicklung von Suizidgedanken beigelegt.

Auch auf dem letzten 34. Kongress der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie (EADV) in Paris war das sogenannte Post-Finasterid-Syndrom (PFS) ein Thema, wie in der Fachzeitschrift "Deutsche Dermatologie" berichtet wurde. Die wissenschaftliche Beweislage scheint trotz des EMA-Verfahrens nach wie vor dünn zu sein.

Unter anderem ein Suizid in Spanien führte dazu, dass das PFS erneut große mediale Aufmerksamkeit bekam. Dieses Syndrom wird mit Depressionen, Suizidgedanken und sexuellen Funktionsstörungen in Verbindung gebracht. Berichten zufolge sollen Beschwerden sogar noch Jahre nach dem Absetzen des Medikaments auftreten können. Prof. Ramon Grimalt, Dermatologe an der Universitätsklinik in Barcelona, war nach dem Suizid in Spanien ein gefragter Ansprechpartner für Medien. Nach seinen Angaben gibt es weltweit lediglich 61 wissenschaftliche Veröffentlichungen zum PFS – dem stehen rund 4,9 Millionen Google-Treffer gegenüber. Viele dieser Studien erschienen in Fachzeitschriften mit geringer wissenschaftlicher Bedeutung und stammen häufig aus Ländern, in denen Forschungsergebnisse nur eingeschränkt überprüft werden können.

Als Beispiel nannte Grimalt eine im Internet häufig zitierte rumänische Studie, in der behauptet wurde, das PFS betreffe vor allem Rechtshänder – angeblich aufgrund bestimmter Vorgänge im Nervensystem. Eine andere Untersuchung, die auf telefonischen Befragungen beruhte, kam zu dem Ergebnis, 5-a-Reduktase-Hemmer könnten zu verminderter Empfindlichkeit des Penis, geringerer Ejakulationskraft und niedrigerer Penistemperatur führen. Zudem finden sich zahlreiche Einzelfallberichte, in denen unterschiedlichste Beschwerden mit dem Medikament in Verbindung gebracht werden – etwa das Auftreten einer Weißfleckenkrankheit (Vitiligo) zwei Monate nach Ende einer Finasterid-Therapie.

Auf der anderen Seite gibt es mehrere Übersichtsarbeiten, die grundsätzlich infrage stellen, ob es ein eigenständiges PFS überhaupt gibt. In einer dieser Bericht wird beschrieben, dass sich für die Jahre 2006 bis 2011 – also bevor der Begriff PFS überhaupt geprägt wurde – kein erhöhtes Risiko für Depressionen oder Suizidalität unter Einnahme von Finasterid gefunden wurde. Nach Einschätzung von Prof. Grimalt spricht Einiges für einen sogenannten Nocebo-Effekt. Damit ist gemeint, dass negative Erwartungen oder Ängste Beschwerden auslösen oder verstärken können. Menschen, die sich wegen erblich bedingtem Haarausfall behandeln lassen, seien häufig besonders besorgt und beobachteten ihren Körper sehr genau. Das allein könnte manche der geschilderten Symptome erklären. Der Dermatologe empfiehllt daher, Patienten für eine Therapie mit Finasterid sorgfältig auszuwählen. Es sollte umfassend aufgeklärt und Ängste ernst genommen werden, gleichzeitig sollte man jedoch vermeiden, durch sehr ausführliche Beschreibungen möglicher, aber nicht eindeutig belegter Nebenwirkungen, zusätzliche Sorgen zu schüren.

Soweit der Bericht in der Fachzeitschrift "Deutsche Dermatologie". Wichtig zu wissen ist darüber hinaus, dass für Finasterid in Sprayform keinerlei Hinweise auf die mögliche Verursachung eines sogenannten PFS gefunden wurden.

Dr. Andreas Finner (www.trichomed.com), Dr. Uwe Schwichtenberg (www.derma-nord.de)

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