sie sind hier: startseite / aktuelles

Aktuelles

Diagnostik und Therapie des medikamentös bedingten Haarausfalls
12. November 2013 - Prof. Dr. med. Gerhard Lutz

Haarausfall durch Medikamente wird häufig kontrovers diskutiert, außer er ist durch Chemotherapeutika oder Zytostatika verursacht. Aber abgesehen von diesen Substanzen sind mehr als 500 Medikamente bekannt, bei denen ursächlich Haarausfall auftritt bzw. als mögliche Nebenwirkung erwähnt wird. Ähnlich wie in einem Kriminalfall ist es die Aufgabe des Arztes die verursachenden Medikamente herauszufiltern und wenn möglich zu reduzieren oder sogar abzusetzen, sofern dies von medizinischer Seite möglich ist. Wie in jedem Kriminalfall ist jedoch auch hier eine rationale und zielgerichtete Vorgehensweise erforderlich, um einen maximalen Erfolg zu erzielen.

Die ersten Schritte in der Diagnostik:

Bevor ein ursächlicher Zusammenhang angenommen wird, ist es zunächst erforderlich eine umfassende Medikamentenanamnese durchzuführen und dies gilt prinzipiell für jeden Patienten mit Haarausfall. Denn sowohl Patienten mit kreisrundem, anlagenbedingten oder narbigen Haarausfall können auch Medikamente einnehmen, die das Haarwachstum zusätzlich stören können. In vielen Fällen finden sich bereits im Beipackzettel in der Rubrik „Nebenwirkungen“ Hinweise auf einen möglichen Haarausfall als eine unerwünschte Arzneimittelnebenwirkung. Sofern sich hier keine Hinweise finden, ist jedoch eine derartige Nebenwirkung nicht gänzlich ausgeschlossen, wie Recherchen in medizinischen Datenbanken zu dieser Problematik zeigen. Meist wird diese Nebenwirkung graduiert in häufig, gelegentlich, selten etc. angegeben. Die Dunkelziffer bezüglich dieser Häufigkeiten dürfte jedoch weitaus höher liegen, denn im Gegensatz zu schweren Arzneimittelnebenwirkungen, wird Haarausfall allgemein als nicht bedrohlich angesehen, sodass sicherlich nicht in jedem Fall eine Meldung an den Hersteller oder das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erfolgt.

Mögliche Medikamente:

Das Spektrum der Medikamente, bei denen Haarausfall erwähnt wird ist sehr unterschiedlich und umfasst Medikamente für die unterschiedlichsten medizinischen Indikationen. Die klinische Erfahrung und die Häufigkeit der Meldungen lassen jedoch eine Einschätzung hinsichtlich des Potenzials einer relevanten Haarwachstumsstörung zu. Abgesehen von den Chemotherapeutika/Zytostatika können z.B. insbesondere Medikamente die den Blutdruck oder die Blutfette senken aber auch Blutverdünner (Antikoagulantien), Entzündungshemmer (Antiphlogistika), Antiepileptika, diverse Antibiotika, Säureblocker (Antacida), die unterschiedlichste Psychopharmaka sowie die neue Gruppe der Biologika dosisabhängig das Haarwachstum stören. Verstärkt bzw. potenziert wird die Haarwachstumsstörung häufig noch durch das gleichzeitige Einnehmen mehrerer, derartiger Medikamente. Meist ältere Patienten nehmen nicht selten 5 oder 6 Medikamente gleichzeitig ein, bei denen Haarausfall in unterschiedlicher Häufigkeit als mögliche Nebenwirkung beschrieben ist.

Klinik des medikamentös bedingten Haarausfalls:

Das klinische Bild des medikamentös bedingten Haarausfalls ist normalerweise geprägt von einer diffusen Haarlichtung im Bereich des Haupthaares (Abb. 1). Es zeigt sich gleichzeitig sowohl im oberen, als auch im seitlichen und hinteren Kopfbereich eine diffuse Haarlichtung, die durch einen vermehrten Ausfall oder durch ein nicht mehr gänzliches Nachwachsen ausgefallener Haare hervorgerufen wird. Sofern das bzw. die Medikamente nur moderat das Haarwachstum hemmen, ist nur das Kopfhaar betroffen.

Abbildung 1: Diffuser Haarausfall in
mittelstarker Ausprägung

Dieser Haarausfall zeigt sich zeitverzögert meist 3-4 Monate nach der Einnahme und hält meist ein paar Wochen an. Sofern das bzw. die Medikamente nur kurzfristig verabreicht wurden, wachsen die vermehrt ausfallenden Haare im Verlauf der nächsten 4-6 Monate komplett wieder nach. Bei den stärker das Haarwachstum hemmenden Medikamenten kann auch die Körperbehaarung betroffen sein und es kann innerhalb von 2-3 Wochen nach Verabreichung zu einem massiven Haarausfall führen, der in einer totalen Alopezie endet. Sofern die Störung des Haarwachstums nur vorübergehend oder in wenigen Zyklen erfolgte, wachsen auch in diesen Fällen im Verlauf der nächsten 6 Monate alle Haare wieder nach. Allerdings gibt es auch Fälle wo die Medikation eine permanente bzw. irreversible Schädigung der Haarfollikel verursachte. Diese Wahrscheinlichkeit trifft insbesondere für die Gruppe der Chemotherapeutika/Zytostatika zu. Insbesondere bei einer Kombination derartiger Medikamente, wie sie häufig bei der Therapie eines aggressiven Brustkrebses oder im Zusammenhang mit Knochenmarkstransplantationen erforderlich ist, kann es zu einer so starken Schädigung der Haarfollikel kommen, sodass nur noch spärliches Flaumhaar-Wachstum für den Rest des Lebens möglich ist.

Evaluierung des Haarausfalls mittels Trichogramm oder digitalem Haarscan:

Da in jedem Fall auch das Kopfhaar betroffen ist, besteht die Möglichkeit die Stärke des Haarausfalls anhand des Haarwurzelstatus, des Trichogramms oder des digitalen Haarscans zu beurteilen. Beim digitalen Haarscan besteht die Möglichkeit in einem umschriebenen, rasierten Kopfhautareal direkt nach der Rasur die Anzahl und die Durchmesser der vorhandenen Haare zu bestimmen. Bei einem Vergleichsfoto nach 2 Tagen kann zusätzlich die Anzahl der wachsenden, der sogenannten Anagenhaare und die der ausfallenden, der Telogenhaare ermittelt werden. Aus den beiden letzten Parametern lässt sich dann das Verhältnis der wachsenden zu den ausfallenden Haaren, die Anagen/Telogen-Ratio bestimmen. Eine Beurteilung der Haarwurzel ist allerdings mit dieser Methode nicht möglich. Dagegen bietet das konventionelle Trichogramm die Möglichkeit, neben der Anagen- und Telogenrate, auch andere Haarwurzelstörungen zu erfassen, da bei dieser Methode eine schmale Kolonne von Haaren gezogen wird. Die Untersuchung der Haarwurzel ist aber gerade beim medikamentös bedingten Haarausfall von Vorteil, da hier die direkte Wirkung des Medikamentes auf die Haarwurzel ersichtlich wird. Dadurch lässt sich zusätzlich die Anzahl der mäßig und stark missgestalteten, der dysplastischen bzw. der dystrophischen Haare ermitteln. Sofern das Medikament oder die Noxe nur eine moderate Störung des Haarwachstums verursacht, ist der diffuse Haarausfall durch eine erhöhte Rate von Telogenhaaren gekennzeichnet (Abb.2).

Abbildung 2: Telogenes Haarwurzelmuster

Bei einer stärkeren Störung lassen sich dann auch verformte, sogenannte dysplastische Anagenhaare nachweisen. Bei einer periodischen, medikamentösen Störung des Haarwachstums kann man auch wellenförmige Einschnürungen im Wurzelbereich sehen, die manchmal zu einer kompletten Drosselung des Wachstums und zum direkten Haarausfall führen. Im Falle einer starken Störung des Haarwachstums findet man dagegen vermehrt dystrophische Haare, die idealisiert beschrieben wie gespitzte Bleistifte imponieren und für eine permanente, stetig zunehmende Drosselung stehen, bis das Haarwachstum vollständig „abgeschnürt“ wird. In der Abbildung 3 sind dysplastische und dystrophische Haare veranschaulicht.

Abbildung 3: Dysplastische und dystrophische Haare

Differentialdiagnostische Überlegungen:

Ein diffuser Haarausfall kann allerdings auch mit anderen Ursachen zusammenhängen. Deshalb ist es erforderlich neben der Medikamentenanamnese auch die diesbezüglichen Störfaktoren auszuschließen. Neben Mangelzuständen an Eisen, Zink, Selen und Biotin können auch eine ganze Reihe endokrinologischer Erkrankungen zu einer allgemeinen Störung des Haarwachstums führen. Beispielhaft seien hier Funktionsstörungen der Schilddrüse, der Nebenschilddrüse oder der Hirnanhangsdrüse genannt.

Therapeutische Optionen:

In Abhängigkeit von der Stärke, Dauer und Notwendigkeit der Medikation ergeben sich unterschiedliche Prognosen. Sofern die Medikation nur eine moderate Störung verursacht und nur kurzfristig verabreicht wurde, ist von einer natürlichen, kompletten Regeneration des Haarwachstums innerhalb der nächsten 4-6 Monate auszugehen. Ist jedoch eine Dauermedikation im Zusammenhang mit einer Erkrankung erforderlich, sollte versucht werden auf ein anderes Präparat zu wechseln, bei dem keine Störung des Haarwachstums als Nebenwirkung bekannt ist. Ist dies nicht möglich kann auch eine Dosisreduktion, sofern vertretbar, schon zu einer Verbesserung des Haarwachstums führen. Generell gilt aber auch hier: „So viel Medikamente wie nötig und so wenig wie möglich“. In manchen Fällen kann auch eine kurmäßige Förderung des allgemeinen Haarwachstums mit haarspezifischen Spurenelementen, Substanzen und Aminosäuren sinnvoll sein, insbesondere wenn das angeschuldigte Medikament nicht abgesetzt oder reduziert werden kann. In ähnlich gelagerten Fällen ist auch mit der äußerlichen Therapie in Form einer 2% Minoxidil-Lösung ein gutes Ergebnis bezüglich einer Förderung des allgemeinen Haarwachstums möglich. Allerdings ist bei einer Dauermedikation auch von einer dauerhaften Anwendung der Minoxidil-Lösung auszugehen. Im Zusammenhang mit einer Chemotherapie kann auch durch eine Unterkühlung der Kopfhaut, beginnend kurz vor bis kurz nach Verabreichung der Medikation, eine deutliche Reduzierung des Haarausfalls erreicht werden, wie eingehende Studien in größerem Umfang belegen.

Quelle:
Prof. Dr. med. Gerhard Lutz, Hair& Nail, Bonn, www.hair-nail.de

Weitere News-Beiträge

2013
20. Dezember 2013 Fragen rund um das Thema Haarausfall ... → mehr

27. November 2013 Kopfläuse - Wenn es krabbelt und juckt ... → mehr

24. Oktober 2013 Ausblick in die Zukunft der Behandlung des anlagebedingten Haarausfalls ... → mehr

4. Oktober 2013 Telefonhotline mit Dr. Andreas Finner am 8. Oktober 2013 ... → mehr

19. September 2013 Bericht vom 7. Weltkongress der Haarforscher Teil 3: Aktuelles zu Minoxidil ... → mehr

24. August 2013 Bericht vom 7. Weltkongress der Haarforscher Teil 2: Kurzberichte in Englisch (Abstracts) ... → mehr

31. Juli 2013 Aktinische Keratosen & Basaliome ... → mehr

15. Juli 2013 Haarentfernung ... → mehr

1. Juli 2013 Bericht vom 7. World Congress for Hair Research Teil 1: Diffuser Haarausfall ... → mehr

17. Juni 2013 Aktuelle Daten zeigen: Minoxidil wirkt auch im Bereich der Geheimratsecken ... → mehr

29. Mai 2013 Telefonhotline mit Dr. Andreas Finner am 18.6.2013 ... → mehr

13. Mai 2013 Interview mit Prof. Hans Wolff in der FAZ ... → mehr

17. April 2013 Interview zum Thema Haartransplantation mit Dr. Andreas Finner ... → mehr

1. April 2013 Haarentfernung - Mit dem Laser gegen störende Behaarung ... → mehr

14. März 2013 Telefonhotline mit Dr. Andreas Finner am 19.3.2013 ... → mehr

7. März 2013 Betroffene für Fernsehsendung gesucht ... → mehr

25. Februar 2013 Messe "Die Zweithaar" vom 21.-22. April in Fulda ... → mehr

11. Februar 2013 „Haarausfall in den Wechseljahren“ ... → mehr

21. Januar 2013 Jahreskongress des Alopecia Areata Deutschland e.V. (AAD) ... → mehr

6. Januar 2013 Wissenswertes zum Thema Haarersatz ... → mehr

Archiv
2018 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2018 anzeigen
2017 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2017 anzeigen
2016 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2016 anzeigen
2015 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2015 anzeigen
2014 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2014 anzeigen
2012 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2012 anzeigen
2011 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2011 anzeigen
2010 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2010 anzeigen
2009 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2009 anzeigen
2008 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2008 anzeigen
2007 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2007 anzeigen
2006 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2006 anzeigen
2005 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2005 anzeigen
2004 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2004 anzeigen
2003 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2003 anzeigen
2002 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2002 anzeigen
2001 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2001 anzeigen
2000 Headlines der News-Beiträge des Jahres 2000 anzeigen
Die Inhalte von Haarerkrankungen.de können und sollen keinen Arztbesuch ersetzen und stellen keine Anleitung zur Selbstmedikation oder Selbstdiagnose dar. Die Informationen dieser Webseiten inklusive der Expertenräte sollen zur Erlangung zusätzlicher Informationen zu einer bereits gestellten Diagnose oder zur Vorbereitung eines Arztbesuches dienen. Empfehlungen hinsichtlich Diagnoseverfahren, Therapieformen, Medikamenten oder anderer Produkte werden nicht gegeben.
Bitte lesen Sie hierzu die Nutzungsbedingungen mit Haftungsausschluss. und beachten Sie unsere Datenschutzerklärung
© 2018 medical project design GmbH